Ein Musterbeispiel kommunaler Vernetzung

Zum ersten Mal hat das bundesweite Bündnis Bürgerenergie (BBEn) 2017 das „Bürgerenergieprojekt des Jahres“ gekürt. Eine der drei ausgezeichneten Genossenschaften ist die Bürgerenergiegenossenschaft Emmendingen (BEGEM), die eine ungewöhnlich vielfältige Mischung an Projekten auf die Beine gestellt hat.

Sie kamen recht spät, aber dafür umso engagierter. Als sich die Bürgerenergiegenossenschaft Emmendingen im Jahr 2012 zusammenfand, ging die Zahl der Neugründungen in Deutschland bereits leicht zurück, denn die Projekte waren zunehmend schwieriger geworden. Die Südbadener konnte das nicht schrecken, sie setzten vor allem auf eine ganzheitliche Energiewende  – und der Erfolg gibt ihnen recht.

Demian Pleuler

Ein Rückblick: In den Jahren um 2010 waren  für Energiegenossenschaften landauf, landab speziell Photovoltaikprojekte attraktiv. Wer ein gutes, möglichst großes und einigermaßen südorientiertes Dach an der Hand hatte, konnte nicht viel falsch machen. Strom einspeisen und vergessen, hieß das Konzept.

In Emmendingen gingen die Bürger – gedrängt durch die sich zwischenzeitlich wandelnden Rahmenbedingungen – einen anderen Weg. Einen „nicht alltäglichen“ Weg, wie Jurymitglied Kai Hock vom Bündnis Bürgerenergie betonte, als er nun in Emmendingen die Auszeichnung als „Bürgerenergieprojekt 2017“ überreichte.

Denn in der Kreisstadt nördlich von Freiburg geht es nicht nur um Strom, sondern auch viel um Wärme und effiziente Energienutzung. Es geht zudem um die direkte Belieferung der Abnehmer vor Ort, um Contracting-Modelle – und nicht überwiegend um das einfache Einspeisen von Ökostrom. „Das funktioniert nur durch unsere gute Vernetzung in der Stadt“, sagt Vorstand Werner Strübin.

Das äußert sich dann auch darin, dass zur offiziellen Preisverleihung die Stadt einen Raum im Rathaus anbietet, dass der OB-Stellvertreter Thomas Fechner ebenso erscheint wie der Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, Uwe Ehrhardt. „Wir zeichnen diesmal eine Genossenschaft in Gänze aus“, sagt Jurymitglied Hock, „sonst geht es meistens um einzelne Projekte“.

Demian Pleuler

Anschließend geht es auf Tour zu mehreren Standorten. Aktuell wird gerade die effiziente Wärmeversorgung von fünf Häusern der städtischen Wohnbaugesellschaft realisiert. Die Objekte umfassen 60 Wohneinheiten. Sie werden gerade komplett saniert und erhalten künftig ihre Wärme von der Genossenschaft im Rahmen eines Contractingmodells aus Kraft-Wärme-Kopplung. An einem ergänzenden Mieterstromkonzept wird unterdessen noch gebastelt – eine kompliziertere Geschichte, heißt es.

Die kommunale Wohnbaugesellschaft, die die Häuser von einem privaten Investor zur Sanierung erwarb, ist froh über die kompetenten Partner aus der Bürgerschaft. Denn Expertise war hier durchaus nötig: „Da war mitunter noch Heiztechnik des Mittelalters drin“ formuliert Uwe Ehrhardt, der Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft und zugleich Aufsichtsrat der Bürgerenergiegenossenschaft. So entschied man sich, die ursprünglich sehr stilvoll gebauten Häuser, die als Arbeitersiedlung einer örtlichen Fabrik um das Jahr 1900 errichtet wurden, auch im Interesse des Stadtbildes lieber zu sanieren als abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen.

Ähnliche Energiekonzepte gibt es inzwischen mehrfach in Emmendingen, darunter auch in einem Familienzentrum im Stadtteil Bürkle-Bleiche und in einem Kindergarten. In einem Wohnobjekt wurde das Blockheizkraftwerk auch durch eine thermische Solaranlage ergänzt. So kann das Aggregat im Keller ruhen, wenn alleine Brauchwasser und keine Heizenergie benötigt wird.

Ein weiteres Projekt umfasst unterdessen auch mehrere Gewerbebetriebe, unter anderem einen großen Bioladen mit 500 Quadratmeter Verkaufsfläche, der neben der Wärme auch Strom direkt aus dem Keller bezieht. Klaus Pleuler, Gründer und Geschäftsführer des Biomarktes ist – natürlich – auch im Vorstand der Genossenschaft aktiv.

Das Erfolgsrezept der Emmendinger Genossen liegt in den örtlichen Kontakten und den Fachkompetenzen. Vorstand Strübin ist dafür ein gutes Beispiel. Er war einst Ortsvorsteher im Stadtteil Mundingen – so viel zum Thema Vernetzung –, und er arbeitet als Beratender Ingenieur, ist somit bei der Heiztechnik sehr fachkundig. Wie er selbst arbeiten auch die anderen Vorstände für die Genossenschaft unentgeltlich. „Das macht immer Spaß, wenn in den Jahresabrechnungen unter dem Punkt Personalkosten eine Null steht“, sagt Strübin.

Auf diese Weise werden auch Projekte möglich, die Energieversorger nicht zu stemmen vermögen. Zumal sich die Genossenschaft auch mit einer durchaus bescheidenen Rendite zufrieden gibt; wenn ein Projekt drei Prozent verspricht, so reicht den Bürgern das in der Regel aus, um es zu realisieren. Die Emmendinger Genossen nutzen in diesem Zusammenhang gerne einen anschaulichen Begriff: „Unsere Mitglieder stellen uns geduldiges Kapital zur Verfügung.“

Demian Pleuler

Neun realisierte Projekte listet die Genossenschaft inzwischen auf. Natürlich sind auch Photovoltaikanlagen darunter, eine auf dem Dach der Musikschule, eine andere auf einem Kindergarten. Auch bei einem Bürgerwindrad sind sie mit im Boot. „Nur ein Wasserkraftwerk fehlt uns noch“, sagt Strübin. Aber solche Projekte sind schwer zu realisieren, weil man dazu eben geeignete Fließgewässer benötigt.

Aktuell ist eine weitere Photovoltaikanlage mit 250 Kilowatt in Bau, auf dem Ziegenstall eines Biohofs auf dem Emmendinger Wöpplinsberg. Die Investitionen in Höhe von 200.000 Euro sind für die Genossenschaft mit ihren 190 Mitgliedern gut zu stemmen. Die Summe der Einlagen beläuft sich auf gut 750.000 Euro – und Aufsichtsratmitglied Werner Tegeler hofft nun auf weitere Mitglieder durch die Auszeichnung.

„Sie sind schon eine nicht-alltägliche Gruppe“ sagt Jurymitglied Hock bei der Preisverleihung, der in seiner Funktion beim Bündnis Bürgerenergie schon viele Genossenschaften in Deutschland kennen gelernt hat. Speziell lobt er das „beachtliche Durchhaltevermögen“ und ist beeindruckt von dem Emmendinger „Denken in Kooperationen“. Dass das auch an den Stadtgrenzen nicht halt macht, zeigt sich auch daran, dass beim jüngsten Solarprojekt auch die Bürgergenossenschaft der Nachbargemeinde Teningen eingebunden ist.

Bürgerenergieexperte Hock sieht das Emmendinger Modell als mustergültig an. In der Kleinstadt im Badischen schaffe die Zusammenarbeit vieler lokaler Akteure regionale Identität. Und eine solche ebne erfahrungsgemäß manchen Weg. Bei Energiewende-Projekten habe er schon ganz andere Sachen erlebt, Probleme mit der Akzeptanz, Widerstände. Meistens hätten die einen einfachen Grund: Die Bürger vor Ort hatten keine Chance, sich an den Projekten zu beteiligen. Und deswegen könne die Energiewende nur aus Bürgerhand funktionieren.

Weitere Informationen zu der Genossenschaft und ihren Projekten finden Sie auf der Seite der Bürgerenergiegenossenschaft Emmendingen.